Weil es wichtig ist. Weil es richtig ist.

10. September 2014

Liebes Ruhrgebiet und Rest vonne Welt, heute mal was ganz anderes. Weil es wichtig ist. Weil es richtig ist.

Mit 16 habe ich mit meiner Mutter im Kino den Film Philadelphia gesehen. Rotz und Wasser habe ich danach im Kino-Bistro geheult, weil es mich einfach umgehauen hat wie DUMM Menschen sein können. Wie engstirnig, kleinbirnig und unter aller Menschenwürde Diskrimierung ist. In diesem Falle homophobe Diskriminierung.

Als ich die West Side Story gesehen habe, muss ich etwa 12 gewesen sein. Meine Eltern waren zum Essen ausgegangen und ich lag heulend auf dem Küchentisch, weil ich den Gedanken nicht fassen konnte, dass zwei Menschen sich nicht lieben dürften, nur weil sie unterschiedlicher Abstammung sind. (Warum ich mich zum Heulen wirklich AUF den Küchentisch gelegt habe, entzieht sich leider meiner rückblickenden Kenntnis. Vielleicht um die Dramatik angemessen umzusetzen.)

Und wie alt ich war, als ich den 60er-Jahre-Klassiker Rat mal wer zum Essen kommt mit Sidney Portier gesehen habe, weiß ich gar nicht mehr. Aber ich bin definitiv noch zur Schule gegangen. Und hab geheult, weil die Eltern einer schnieken, reichen, weißen Lady ihren neuen Mann, einen Farbigen, der dem Titel gemäß zum Essen kam, nicht akzeptieren wollten.

Inzwischen bin älter. Viel älter. Aber engstirnige, diskriminierende Bumsbirnigkeit treibt mir immer noch mit vollster Wucht die Tränen in die Augen und ich möchte allen, die sich über irgendwelche Lebens- oder Liebensweisen erheben, um abfällig drauf herabzuschauen, mit vollster Wucht eine scheuern. (Jaja, Gewalt ist keine Lösung...)


Erst letztens hat mir meine Freundin Heidi erzählt, dass sie immer mal wieder aufgrund ihres Aussehens (ihre Mutter ist Philipina) von Fremden aus dem Nichts heraus mit Blicken, Worten und Gesten abgestraft, degradiert und diskriminiert wird. Natürlich weiß ich, dass "so etwas" in unserer Gesellschaft immer wieder passiert. Überall und jeden Tag. Aber als sie mir davon erzählt hat, hat es einfach doppelt und dreifach weh getan, weil ich ihre Herkunft überhaupt nicht wahrnehme. Sie ist einfach der Mensch, der sie ist. Ich sehe nur sie. Nicht ihre Haut. Nicht ihre Abstammung. Weil das in meinen Augen nicht mehr bedeutet als die Form ihrer Fingernägel oder die Farbe ihrer Wimpern. Als sie von diesen Erlebnissen erzählte, fiel mir buchstäblich alles aus dem Gesicht. Nicht unbedingt, weil es an sich wirklich beschissen ist, sondern weil sie es so daher sagte. Weil es für sie alltäglich ist. Weil sie es kennt. Und einfach damit umgeht. Weil ihr nichts anderes übrig bleibt.

Warum erzähle ich Euch heute davon? Weil der Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch jetzt zu seinem im April erschienenen Song "Der Tag wird kommen" ein Video nachgeschoben hat, das mir einfach unheimlich unter die Haut geht. Und weil ich finde, dass Ihr es hören und sehen müsst. Und weil Ihr es posten, teilen, verbreiten müsst. Weil es wichtig ist. Weil es richtig ist.

Schaut hin. Und hört zu. Hört richtig zu! Auch wenn das vielleicht nicht Eure Musik ist. Es ist mehr als nur Musik. Es ist eine Botschaft, für die die Zeit mehr als reif ist.




All Ihr homophoben Vollidioten, all Ihr dummen Hater
All Ihr Forums-Vollschreiber, all Ihr Schreibtischtäter
All Ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen
All Ihr Bibel-Zitierer mit Eurem Hass im Herzen
All Ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner
All Ihr harten Herdentiere, all ihr "echten Männer"
Kommt zusammen und bildet eine Front
Und dann seht zu was kommt

Der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben
Durch die Decke schweben, mit 'nem Toast den hochleben lassen
Auf den Ersten, der's packt, den Mutigsten von allen
Der Erste, der's schafft
Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern
Jeder liebt den, den er will, und der Rest bleibt still
Ein Tag, als hätte man gewonnen
Dieser Tag wird kommen


Merke: Mein Autocorrect kennt das Wort "homophob" noch nicht mal.

Kommentare

  1. Ich hab mir bei Heidi ehrlich gesagt nie die Gedanken gemacht woher Ihre Familie gekommen sein mag, aber das ist mir auch völlig egal, denn ich weiß was für ein netter Mensch sie ist. Und ich finde das ist wirklich wichtig. Menschen die sich auch für andere interssieren und jeden mit Respekt behandeln. Für Heidi tut es mir unheimlich leid dass es für sie Normalität ist.

    Ich werde mir das Video auf jeden Fall heute abend anschauen ...

    Drück sie mal von mir

    lg

    Michaela

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Juli, dieser Blog-Beitrag ist wirklich schön.

    AntwortenLöschen
  3. Auch, wenn man meinen müsste, dass es "heutzutage" eigentlich kein Problem mehr sein sollte, wen man liebt, wo man herkommt und, wie man aussieht - ich bin auch jedes Mal wieder entsetzt, wie ein Teil unserer Gesellschaft drauf ist. Der beste Freund meines Freundes hat sich erst im vergangenen Jahr mit fast 30 geoutet - und nicht, weil er sich vorher dessen nicht bewusst war sondern, weil er Schiss hatte wie Familie und Freunde reagieren. Eine Freundin von mir, italienischer Vater und kroatische Mutter, hat wirklich mal den Spruch zu hören bekommen "geh dahin zurück, wo du herkommst"...dass sie in Deutschland geboren ist macht diesen Spruch nur noch lächerlicher. Und, wenn ich dann aktuelle Wahlergebnisse in Sachsen sehe, könnte ich beim Anblick nur noch heulen und frage mich, ob da wirklich Menschen mit funktionierenden Gehirnen leben.

    AntwortenLöschen
  4. Liebste Juli,

    Word. Ganz fein auf den Punkt gebracht! Auf die Liebe, die Freiheit und das Leben.

    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
  5. puh! toller text! sowohl von dir, als auch im lied.

    AntwortenLöschen
  6. Piccoletta Pottschnecke10. September 2014 um 10:35

    Genau so ist das - und ich als Pummelfee möchte hinzufügen: nicht nur wen man liebt, sondern auch egal ob dick oder dünn, klein oder groß... Auf den Menschen kommt es an - auf Herz und Hirn...nicht auf die Hülle...

    AntwortenLöschen
  7. ... alles gesagt ... und ich mag die Musik sehr! :-)

    AntwortenLöschen
  8. Ich wäre NIEMALS auf die Idee gekommen, dass Heidi diskriminiert wird. Dieser Gedanke liegt so völlig fern von allem, was mir grundsätzlich, aber auch in Bezug auf Heidi in den Sinn kommt. Aber ich finde es gut, dass du es ansprichst. man hält seine eigene Sichtweise doch noch viel häufiger für selbstverständlich, als sie es ist. Und das Video finde ich toll. Sagte ich ja schon.

    AntwortenLöschen
  9. Leider war.
    Ich bin dick, sehr dick, und jedes mal wenn ich das Haus verlasse, werde ich von mindestens einer Person wie ein Affe im Zoo angegafft. Eis essen? Klar, aber jedem der mit geht, muss klar sein, wir werden beobachtet.
    Viele geben einem nicht die Chance, hinter die Fassade zu schauen, und vielleicht den netten, verrückten und liebenswerten Menschen dahinter zu sehen.
    Meine Schwester, halbfarbig und übergewichtig, hat Abitur, und bekommt keine Lehrstelle...mittlerweile ist sie 25 und alles was sie bekommt sind Absagen, und uns wurde auch schonmal von einer Stelle gesagt, hm ich denke, es liegt an ihrem Aussehen. WTF is wrong with you?
    Aber so ist sie unsere ach so tolerante Gesellschaft!

    AntwortenLöschen
  10. ach juli, ich mag diese wichtige worte, in deiner sprache und in der von herrn wiebusch. und such mal als frauenpaar in hamburg ne wohnung... da machst du auch dolle erfahrungen... herzliche grüße, anja

    AntwortenLöschen
  11. liebe juli,
    jetzt mag ich dich noch viel viel viel mehr.
    küsschen, markus

    AntwortenLöschen
  12. Danke - jetzt sitze ich im Büro und heule... <3

    AntwortenLöschen
  13. Liebe Juli,

    ich habe diesen Song heute auf "sueddeutsche.de" gesehen, gehört und bin auch ganz berührt - deine Worte: Hammersong, den muß sich jeder anhören, schlimm genug, daß man das alles überhaupt in
    Diskussion bringen muß - jeder liebt den, den er will und basta, mehr gibt es da nicht zu diskutieren.
    Danke für deinen Post! :-)
    Liebe Grüße aus dem Süden,
    Sandra

    AntwortenLöschen
  14. Und genau deswegen bist du mir so wahnsinnig sympathisch. . Danke fürs teilen. . Ich hab gestern so dieeine oder andere Träne gelassen. .das ganze ist einfach immer noch aktuell.. und deswegen ist es wichtig sich immer zu informieren und sein Verhalten zu reflektieren..dazu gehört für mich aber auch der deutschlandwahn zur WM. . Aber das würde n anderes Fass hier auf machen. . Aber eigentlich auch nicht. Ich lese deinen Blog sehr sehr gerne und freue mich dass du dich mit diesen Themen auseinandersetzt. Lg caro

    AntwortenLöschen
  15. Danke. Da hast du etwas sehr Hässliches sehr gut und berührend beschrieben. Mir kamen auch die Tränen... ich kann mir kaum ausmalen, wie es sein muss, diesem hasserfüllten Rassismus und dieser absurden Ungerechtigkeit täglich zu begegnen. Ich habe höchsten Respekt vor den Menschen, die durch solche Reaktionen nicht aggressiv und wütend werden, sondern ruhig bleiben und ihre Gedanken oder Gefühle zurückhalten. Aggression würde es nur schlimmer machen... aber ich könnte nicht ruhig bleiben. Der Song ist auch nicht meine Musik, aber ich hoffe für uns alle, dass das endlich wahr werden kann.

    AntwortenLöschen
  16. Ich glaube wir reagieren da ähnlich, ich kann es nämlich auch ganz schlecht sehen, wenn Ungerechtigkeiten passieren und andere Leute Leiden. Das geht mir auch nicht so schnell aus dem Kopf.
    Ich finde es unendlich schade, dass es immer noch Leute gibt, die mit anderen Hautfarben, Religionen, sprachen, Kulturen und sexuellen Ausrichtungen Probleme haben. Eigentlich sollte man meinen, dass es heute kein Problem mehr sein sollte, aber wenn man sich die Lage im Osten ansieht, wo Menschen für ihre Religion abgeschlachtet werden, Zweifel ich an unserer Gesellschaft. Ganz abzusehen von den täglichen Problemen in unserer Gesellschaft.
    Mein Cousin ist homosexuell und das war nie ein Problem in meiner Familie nicht. Es war ganz normal und in Ordnung. Jeder sollte das Ausleben dürfen, was er für richtig hält.
    Finde ich Super, dass du über sowas schreibst! Weiter so. :) der Song ist echt Super und das Video gefällt mir gut. Steckt auf jeden fall jede Menge Arbeit drin.
    Liebe Grüße,
    Franzi

    AntwortenLöschen
  17. Astrein! Traurig genug, dass wir darüber überhaupt noch schreiben müssen. Ich bin dermaßen froh, dass mich meine Eltern so tolerant wie nur irgend möglich erzogen haben. Danke für deine mal wieder so klare Art die Dinge anzupacken und so deutlich zu schreiben!!!

    AntwortenLöschen
  18. Absolut auf den Punkt gebracht, danke!

    In mir gären da auch noch ein paar Erlebnisse. Auch vermeintlich tolerante Bekannte können unbedacht ganz böse unter die Gürtellinie treffen.
    Du hast da grad was in mir angstupst.

    AntwortenLöschen
  19. Nun wünsche ich mir deinen Text in gesprochen vor dem Video, einfach damit die hässlichen Bumsbirnen da draußen es vielleicht hören, wenn sie schon nicht lesen, geschweige denn denken und fühlen können.

    AntwortenLöschen
  20. Daumen hoch!
    Für dich,
    für den Sänger!
    Für den Text!

    Schade, dass es nötig ist, so ein Lied zu schreiben - aber auch gut, dass sich was tut!

    Auf das sich noch vieles in den Köpfen der Menschen bewegt!!!!
    Zum Positiven!

    Viele Grüße - Vanessa

    AntwortenLöschen
  21. Du hast absolut Recht. Ich bin auch immer wieder absolut fassungslos, wenn ich "so was" mitbekomme. Gerade lese ich in der aktuellen Neon einen Artikel über eine Umfrage unter 18-35jährigen Deutschen. 27% ärgern sich über eine "zu lasche Ausländerpolitik", 37% haben Angst vor "Überfremdung". Und ich lese das und denke nur ein fettes WTF??? Ich komme einfach nicht dahinter, was in solchen Köpfen vorgeht.

    Das Lied ist der absolute Hammer (und geht mir schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf)! Ich bin gespannt, wann wir "den Tag" erleben werden. Fürs Video hätte ich mir nur auch ein paar fußballspielende Mädchen im Park gewünscht.

    Liebe Grüße
    Nele

    AntwortenLöschen
  22. Ja, genau so ist es!
    Leider gibt es noch viel zu viel Bumsbirnigkeit. Man hält die eigenen Sichtweisen immer für normal oder selbstverständlich, aber leider ist das nicht so. Das Beispiel mit Heidi zeigt es ja deutlich. Zwei Freunde von mir sind gay und die müssen seit ihrer Kindheit immer wieder mit Bumsbirnigkeit klar kommen. Da dachte ich auch ganz lange: "das kann doch gar nicht sein!" Bis ich dann mal dabei war. Mitten auf der Straße wurden da Beleidigungen rüber gebrüllt. Echt total asi! Und solchen leuten sollte man mal auf den Kopp hauen und dann was fettes in den Arsch stecken!

    AntwortenLöschen
  23. Geil, Juli! Denn ganz genau so isses! Eine Front gegen all die Bumsbirnen da draußen!

    Danke fürs Zeigen, Teilen, Erinnern und Anstupsen! Ich liebe Kettcar, und dieser Song ist einfach mal genau auf den Punkt! *daumenganzweithoch*

    Ganz liebe Grüße!
    Sanni (c:

    AntwortenLöschen
  24. Danke Juli, für dieses Video, die Botschaft, die Erinnerung, dass es leider noch viel zu tun gibt.
    LG
    Sabrina

    AntwortenLöschen
  25. Puh, ich hab Gänsehaut... wegen deines Posts und wegen des Videos... wollte tatsächlich am Anfang wieder wegklicken, weil ich dachte, o.k. verstanden... aber dann hat es mich gefangen... ich hoffe es kommt überall an!

    Claudia

    AntwortenLöschen
  26. Danke.

    Mein man ist Philipino, wir erwarten ein Baby, und ich erlebe seit wir zusammen sind immer wieder genau dieses Abscheuliche was du beschreibst, und auch unsere Kinder werden es vermutlich erleben (müssen). Dabei sagte eine Freundin:" Dein Mann ist deutscher, als so mancher Deutsche, Schützenverein, Fussball, liebt gute alte Hausmannskost, wie ätzend dass die Deppen nur ins Gesicht und nicht nach dem Menschen und seinem Charakter schauen. " Hautfarbe ist völlig egal, unterschiedliche Kulturen bereichern uns alle, wer das nicht sieht und sehen will ist mehr als blind. Ich hasse Fremdenhass, zutiefst.

    Danke für deine Worte!

    Liebe Grüße,
    Lena

    AntwortenLöschen
  27. Liebe Juli,
    du hast so recht, Marcus Wiebusch hat recht und ich kann einfach nicht verstehen, warum einige Menschen so doof sind und das anders sehen. Ich find's gut, dass du dem allen einen Post widmest, weil sich was ändern muss und auch all die kleinen Sticheleien, die wie selbstverständlich in den Wortschatz einiger übergegangen sind, aufhören müssen.

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
heimatPOTTential . All rights reserved. © Maira Gall.