Ein begehbarer Darm in Bochum. Oder: Die Ruhrtriennale und "The Good, the Bad and the Ugly"

26. August 2015

Liebes Ruhrgebiet und Rest vonne Welt, wenn man Kunst nicht versteht, fühlt man sich ja manchmal n bisskn wie ein Banause. Wenn man nun durch irgendeine Ausstellung läuft und dort z.B. mit einem Bild oder einer Skulptur nix anfangen kann, zuckt man halt einmal kurz mit den Achseln, geht weiter und bildet sich dann einfach angesichts irgendeines anderen Bildes oder einer anderen Skulptur ein, es mehr oder weniger gekonnt für sich selbst interpretieren zu können.

Was aber, wenn man durch eine Großinstallation läuft und so ziemlich gar nichts kapiert? Was, wenn man seine Eigeninterpretationen so abstrus findet, dass man einfach gerne die Wahrheit - also in diesem Falle die Wahrheit des Künstlers - wüsste?!


Tja. Dann steht man vielleicht so konfus da wie ich am Wochenende angesichts der Ausstellung "The Good, the Bad and the Ugly", die noch bis zum 26.09.2015 auf dem Gelände der Bochumer Jahrhunderthalle im Rahmen der diesjährigen Ruhrtriennale unter dem Motto "Seid umschlungen" zu sehen ist.


Nun hatte ich mich im Vorfeld gar nicht groß schlau gemacht. Alles, was ich wußte, war: Da isn begehbarer Darm.

Aha. Verrückt genug, um sich das einfach mal anzugucken.

So. Nun mal vorneweg: Ich mag Kunst. Ich mag Festivals. Ich mag Kunstfestivals. Und ich mag die Ruhrtriennale...also das Festival der Künste in der Metropole Ruhr, denn es verbindet laut Eigenbeschreibung die Einzigartigkeit nachindustrieller Orte mit aktuellen Entwicklungen der internationalen Kunstszene. Aber ich mag es auch, wenn ich Kunst verstehen kann...zumindest ein bisschen. Und wenn ich Kunst nicht verstehe, freue ich mich über Informationen, die mir dabei ein klein wenig helfen.

Tja. Und dann stehe ich da vor diesem Darm - dem sogenannten BarRectum - an der Jahrhunderthalle. Kannse reingehen, kannse rausgucken und kannse Dich auf einem riesigen Fäkal-Sitzsack drin rumfläzen.


Verrückt. Verrückt finde ich gut. Aber was soll das?! In meinem Schädelchen fläzen sich immer mehr Fragezeichen.

"Nun gut, vielleicht erschließt sich mir der Sinn im Rahmen der Gesamtausstellung" denke ich, denn neben dem Darm gibt es in diesem "Künstlerdorf", das eine ganze Reihe von Arbeiten des Ateliers Van Lieshout umfasst, ja noch mehr zu sehen. Einen Domestikator zum Beispiel, der als Totem oder auch als Tempel des Festivalgeländes gilt.


Der Domestikator sieht aus wie ein Mann, der ein Lebewesen (Mann, Frau oder Tier) von hinten begattet. "Aha", denke ich. Sonst nix...außer vielleicht noch "warum?".

Dann liegen da zwei Köpfe. Ich denke "Aha. Köpfe..." und "...äh?!".


Dann beäuge ich den Hagioscoop. Ich stecke meinen Kopf in eins der Gucklöcher und sehe das, was Ihr jetzt auf den nachfolgenden Fotos sehen könnt.


Joa.

Ich laufe da also rum und fühle mich wie ein Banause. Oder wie jemand, der gerne verstehen möchte. Aber ehrlich gesagt verstehe ich nur die Toilettenformation, weil mir halt klar ist, wozu Toiletten nun mal so da sind.


Dann setze ich mich neben das Refektorium, dem zum Teil überdachten Veranstaltungsbereich des Geländes, und fühle mich ein bisschen doof, weil mir echt zu allem, was ich sehe, nicht mehr als "verrückt" einfällt. Aber für mich darf Kunst einfach ruhig gerne etwas mehr als "nur" verrückt sein. Also frage ich eine Dame, die so aussieht, als ob sie vor Ort arbeiten würde, ob es irgendwo Infomaterial zur Ausstellung gäbe.

Gibt es. Den Lageplan samt Informationstexten habe sie just am BarRectum ausgelegt. Super! Also hingehoppelt, eingesackt, wieder hingesetzt und gelesen.

Und dann habe ich mich NOCH dööfer gefühlt.

Kennt Ihr so Erklärungstexte, die irgendetwas erklären wollen oder sollen, und am Ende ist man genauso schlau oder dumm wie vorher?! Joa. Genau.

Ich sitze da und lese. Ich lese laut. Ich konzentriere mich. Ich will das ja schließlich verstehen und mich bitte nicht doof fühlen. Am ehesten verstehe ich noch: Der Domestikator "symbolisiert die Macht der Menschheit über die Welt und zollt dem Empfindungsreichtum, der Kultiviertheit und den Talenten der Menschheit Tribut, ihrer Organisationskraft, die sie zur Unterwerfung und Domestizierung der natürlichen Umgebung einsetzt. Dieser Akt der Domestizierung führt jedoch auch dazu, dass Grenzen nicht nur ausgelotet, sondern überschritten werden. Es verbleiben nur wenige Tabus und mit diesen will sich der Domestikator auseinander setzen."


Ist eins dieser Tabus nun der Verkehr zwischen Mensch und Tier per Hündchenstellung?! Ja, ich weiß, dass die Frage sehr plump ist. Aber wenn man da so sitzt und sich das anguckt und dann den Text liest, dann stellt man sich die Frage doch, oder? Und jaaaahaaaa, Kunst SOLL und WILL Interpretationsspielräume lassen...also interpretiere ich: Der, der mit dem Tier Anal(?)verkehr betreibt, ist The Bad?!

Und der Darm? Der ist The Ugly? Und wer ist dann The Good? Oder ist das alles zu viel Interpretationssehnsucht meinerseits?!


Ich sitze da also und sage zu meiner Begleitung: "Ich versteh das alles nicht. Das schreib ich in meinem Blog auch." ...woraufhin ich den gut gemeinten Rat bekomme, doch besser nichts Doofes über die Ruhrtriennale zu schreiben. Hm. Ich will doch gar nix Doofes schreiben. Ich find das Kunstfestival ja toll! Und wenn ich sage, dass ich da was nicht verstehe, dann ist das nicht doof gemeint. Dann bin ich vielleicht einfach nur nicht pfiffig genug.

Nun gibt es für unpfiffige Kunstfreunde wie mich jeden Sonntag eine Führung durch die Installation. Vielleicht liefert so eine Führung ja Erklärungen, aber ich sitze da nun mal an einem Samstag und muss ohne auskommen. Zu den Köpfen, die auf dem Gelände rumliegen, gibt es übrigens gar keine Erklärung. Das Informationsblatt benennt sie lediglich mit "The Head Claudia & The Head Hermann". Soso.

Das Hagioscoop entstammt einer Reihe idealer Avangarde-Farmen für die Zukunft, aber auch für die Gegenwart und für die Vergangenheit mit dem Ziel, einen überlebensgroßen Pavillon zu schaffen. Beim Hagioscoop handelt es sich um eine Farm für die Heilige Familie. Das steht im Infoblatt. Und ich denke "Aha. Inwiefern denn genau?!" und "Was heisstn datt jetzt?".


Über den Darm wird gesagt, dass er ein perfektes System und anatomisch korrekt nachgebildet sei. Nur der letzte Teil des Dickdarms sei überdimensional aufgeblasen, um an der Bar, die durch ein Fenster geschaffen wurde, möglichst viele Menschen aufnehmen zu können. Ja, gut. Faktisch verstehe ich das, frage mich aber trotzdem warum jemand einen Darm nachbaut und ob damit irgendeine spezielle Aussage verbunden ist...auch so im Gesamtkontext, der irgendetwas mit einer "Parallelwelt, die unsere eigene spiegelt und verzerrt" zu tun haben soll. Sagt das Infoblatt.


Wir halten also fest: Ich bin ein Kunstbanause. Aber trotzdem kann ich mir vorstellen, dass das Gesamtgelände in den Abendstunden bei entsprechender Beleuchtung im Rahmen der vielen Programmpunkte sicherlich optisch ein Knaller ist. Denn einige der Ausstellungsobjekte stehen dort nicht nur als Ausstellungsobjekte per se, sondern sind in diverse Workshops, Events und Lesungen eingebunden und werden dann entsprechend "bespielt". Dann wirkt das alles bestimmt noch mal ganz anders.

Vielleicht besuche ich also demnächst mal einen der Programmpunkte oder nehme an einer Führung teil, um ein wenig zu erschlauen. Vielleicht gehe ich aber auch einfach nur noch mal auf ein Eis dort vorbei, denn im Refektorium sorgt das Bochumer I AM LOVE an einer kleinen Bar fürs Catering.


Und dann schnappe ich mir den I AM LOVE Kevin und sage: "Hömma, ich bin ja n bisskn blöd. Erklär mir das hier alles mal." Und vielleicht erklärt er es mir dann. Aber vielleicht kriege ich auch einfach nur ein Milchreis-Zimt-Eis. Wäre auch nicht das Schlechteste.

Merke: Pro Kunst, auch wenn ich sie nicht kapiere!

Merke: Nächster Stopp -> Nomandslanding in Duisburg.


Kommentare

  1. Grins, ich erkenne mich gerade sehr gut wieder... und nein, ich finde nicht, dass Du ein Kunstbanause bist. Man muss ja nicht alles mögen und/oder verstehen...

    LG von der Maus

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  2. püh... banause wärst du, würdest du nicht versuchen, irgendetwas zu verstehen und vielleicht aus frust nochma mitm bein dagegen treten :D
    kunst kriegt dich halt oder nicht... das lässt sich nicht immer herbeidiskutieren... und so von den bildern her hätte ich wohl mit genauso vielen fragezeichen überm kopf dagestanden ;)

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  3. Du sprichst mir ein bisschen aus der Seele. Ich mag solche Sachen eigentlich auch, und schau mir zeitgenössische Kunst auch gerne an. Nur ganz oft fühl ich mich dabei ertappt, dass ich denke, es geht wohl auch ein bisschen um Effekthascherei. Und manchmal denke ich auch, dass dieses "das kann und soll jeder für sich selbst interpretieren" es den Künstlern auch ein bisschen zu leicht macht. Wenn ich dann allerdings manche Erklärtexte allerdings lese, bin ich genauso schlau wie vorher... Aber einen Zweck erfüllt das alles dann doch sicherlich: man setzt sich kritisch und überhaupt damit auseinandern.

    Schön in diesem Zusammenhang auch das hier: hyperallergic.com/227007/the-artist-statements-of-the-old-masters/ :-)

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  4. Ich muss ja sagen, dass mir die von dir beschriebenen Gedanken bei 2/3 der gezeigten Kunst durch den Kopf gehen. Ich bin also auch ein Banause.. lass uns ne Gruppe gründen :-)

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  5. 1. Ich find, das ist ein super Beitrag!
    2. Ich find, der Rat, nichts Blödes/Kritisches über die Ruhrtriennale zu schreiben, ist ziemlich unsuper. Abgesehen davon, dass - ganz genau! - kritisch-fragend ja nicht automatisch ablehnend bedeutet (und sich gerade Kunst ja vor allen Dingen mal freuen muss/wird, wenn sie Fragen aufwirft): Seit wann züchten wir denn ausgerechnet im Ruhrgebiet Heilige Kühe?
    3. Mit dem Verstehen (oder Erklären) von Kunst ist das ja immer sone Sache. Eigentlich denk ich: Das Kunstwerk IST ja schon der Ausdruck. Warum soll/will ein Künstler jetzt noch mit einem anderen Ausdruck (nämlich Sprache) erklären, was er mit dem ersten Ausdruck gemeint hat? Eigentlich nimmt man doch damit den ersten und eigentlichen Ausdruck gar nicht ernst, oder? (UND es kommt so ein aufgeblasener Quatsch dabei raus wie die Erklärungen, die du so schön zitierst. Ich meine: WENN man schon was aufbläst, dann soll da doch wenigstens ne Bar drin sein.) Ich für meinen Teil bin gerade ganz angeregt, darüber nachzudenken, was diese, äh, Dinge da für MICH für eine Bedeutung haben könnten...

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  6. In den Darm möchte ich auch gerne und das ganze andere Gedöns angucken. Und auf Nomandslanding bin ich auch gespannt.
    Aber mit dem Rest der Ruhrtrinnale kann ich nicht so viel anfangen.

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  7. es is nich immer kunst drin, wo kunst draufsteht. ;) manchmal dreht sich die kunstwelt so um sich selbst, dass sie nicht mehr mitkriegt, was für einen käse sie da beweihräuchert.
    aber vielleicht soll diese ausstellung auch insgeheim darauf hinweisen, wie "überdimensioniert" und voll mit "scheiße" der kunstmarkt ist. zumindest scheinen das die verbindenden elemente der ausgestellten werke zu sein. ;)

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